Freunde, Teil zwei


4

Hallo Daniel,

gestern waren Tobias und ich eingeladen bei Markus, einem seiner besten Freunde, und Stefanie, seiner Frau. Mit dabei waren Sofia, die sich mir gegenüber meistens distanziert verhält, und ihr Mann Paul. Ich habe mir schon während des Abends den Brief an dich vorgestellt.
Irgendwann haben die Männer, die Kollegen in derselben Firma sind, angefangen, über eine bevorstehende Präsentation zu reden. Die Frauen haben geschwiegen, man hat von ihnen nur das Besteck auf den Tellern klappern gehört. Und ich hatte den Gedanken, dass sich jedes Schweigen von dem der anderen unterschied, als hätte es durch die jeweils unterschiedlichen Gedanken dahinter einen eigenen Klang. Hinter Stefanies Schweigen lag der Wunsch, eine gute Gastgeberin zu sein, und ihr Blick schweifte über die Teller und Gläser. Sofias Schweigen klang nach etwas, das mir nicht klar war, nach einer Unstimmigkeit vielleicht, die sie zuhause erst aussprechen würde. Mein eigenes Schweigen klang vielleicht fern und unbeteiligt. Es verbarg, was ich dir heute schreibe, wie ich mich fühlte in dieser Runde.
Ich habe mich innerlich immer weiter zurückgezogen, bis ich gar nichts mehr gesagt und von den Gesprächen nur noch Fetzen gehört habe. Ich habe an die Vögel gedacht, die ich versuche zu malen, an die Sommerwoche, an Sardinien, wo Tobias mit mir hinwill. Tobias hat mich einmal von der Seite lange angesehen, ihm ist meine Schweigsamkeit nicht entgangen, denn irgendwann ging es nicht mehr um die Firmenpräsentation, und die anderen beiden Frauen beteiligten sich wieder am Gespräch. Ich konnte auf Pauls Ansichten über Kunst und mein Malen verzichten.
Stefanie lächelte, als sie sich von uns verabschiedete; ich glaube, sie war zufrieden mit dem Abend.
Zu deiner Frage: Außer dir haben bis jetzt Maria und Sabine geantwortet. Wir werden sehen, ob sich da ein weiterer Kontakt ergibt.

Lieben Gruß
Laura

Sie legte das zugeklebte Kuvert mit dem Brief darin auf den Schreibtisch. Jetzt war Zeit zum Malen. Sie wechselte zur Staffelei, setzte sich davor und betrachtete das unfertige Bild. Ein fliegender Vogel war darauf zu sehen, im unteren Teil zwei Gesichter. Rot und Blau herrschten vor in dem Bild, der gelbe Vogel verband die Farben miteinander. In einem Teil war noch Platz. Laura nahm einen feinen Pinsel, tauchte ihn in Schwarz und schrieb auf das Bild:

Echt wird es nur
wenn du dich zeigst

Es war das zweite Bild, auf das sie einen Gedanken schrieb. Beim anderen stand in Schneckenform:

Gefühle
hinter glattpolierten Leben

Sie verfeinerte das Bild mit dem Vogel noch, malte Farbe auf noch freie Stellen. Sie versuchte, sich an Daniel zu erinnern, an seine Stimme, an sein Gesicht. Das Erinnerungsbild war nur ein wenig verblasst. Vielleicht würden sie bald auch telefonieren, wie richtige Freunde eben. Auf der anderen Seite mochte sie seine Briefe.
Nun waren schon vier Wochen vergangen, seit sie die Postkarten weggeschickt hatte, und drei von zehn Leuten hatten sich gemeldet. Sie hatte auf mehr gehofft.

Tobias plante eine Einladung: Markus und Stefanie, Paul und Sofia. Kochen würden sie zu zweit, was sie im Alltag auch oft taten. Laura verließ das Schlafzimmer und traf Tobias in der Küche an, über ein italienisches Kochbuch gebeugt.
„Was hältst du davon?“ fragte er und hielt ihr ein Rezept hin. „Seezunge mit Kräutersahne“ war der Titel. Laura überflog die Anleitung. „Ja“, sagte sie, „klingt gut.“
„Und was hältst du davon“, fragte sie, „wenn ich mein Bild mit dem Vogel ins Vorzimmer hänge?“ Tobias folgte ihr ins Schlafzimmer zur Staffelei und betrachtete das Bild.
„Ja, gut. Neben der Garderobe ist Platz.“
Laura fand das Vogelbild nicht ausgereift genug fürs Wohnzimmer. Da war noch Qualitätsspielraum nach oben hin, dachte sie. Das Wohnzimmerbild würde kommen.

Laura klingelte am Haus Nummer vierzig bei „Meier“. Sara empfing sie oben an der Tür. „Ich habe sie noch im Käfig gelassen. Ist vielleicht leichter für dich“, sagte sie.
„Nein, lass sie fliegen, das ist viel schöner“, sagte Laura.
Sie wünschte sich, die Anmut und Zartheit einzufangen, die diese zwei Unzertrennlichen hatten. Wenn sie sich auf die Vorhangstange setzten, musste sie schnell sein mit dem Skizzieren. Sie hatte auf der Jubiläumsfeier von den Vögeln bei Sara gehört, und Sara, die Sekretärin, war einverstanden mit Lauras Besuchen. Sie erzählte, dass Zeus, einer der beiden Vögel, sich manchmal auf ihre Schulter setze oder unter den Wasserhahn springe, wenn man das Wasser laufen lasse. Io dagegen, das Weibchen, sei scheuer.
Sara wirkte heute angeschlagen, ohne dass Laura einen Grund dafür erkennen konnte. Es war Lauras Feinfühligkeit zu verdanken, dass sie das überhaupt bemerkte, denn natürlich setzte Sara sich ein Lächeln auf. Sie waren ja nicht vertraut miteinander, und somit war klar, dass Sara nichts erzählte, was zu persönlich war. Sie zog sich in die Küche zurück, um Tee zu machen.
Den Vögeln schien es gut zu gehen.

5

Hallo Daniel,

ich schreibe schon mal den Brief, auch wenn du auf meinen letzten noch nicht geantwortet hast. Könnte sein, dass du diesmal zwei Briefe hintereinander bekommst, ohne deine Antwort dazwischen. Ich will dir etwas erzählen (du warst ja nicht bei dieser Abendgesellschaft).
Es war die Wiederholung der Zusammenkunft dreier Paare, nur in einem anderen Haushalt. Die Gespräche waren – für mich jedenfalls – nicht sonderlich interessant. Nach dem Essen ging ich mit ein paar Geschirrteilen in die Küche und sah Sofia im Vorzimmer vor meinem Bild stehen, das wir kürzlich dort aufgehängt haben. Sie stand reglos davor, sie starrte förmlich darauf. Als sie mich erblickte, deutete sie auf das Bild und sagte: „Das würde ich als Zitat kennzeichnen.“
Die Rede war von ein paar Worten, die ich auf einer freien Stelle aufgemalt habe:

Echt wird es nur
wenn du dich zeigst.

„Warum als Zitat?“, fragte ich verwundert.
„Das stammt aus einem Gedicht von Felipe“, sagte sie, „das Buch steht in eurer Bücherei.“
„Wirklich?“, sagte ich. „Aber der Satz ist von mir.“
„Wer’s glaubt“, sagte Sofia und sah mich spöttisch an. „Also wenn man schon abschreibt, sollte man das dazuschreiben.“
Ich sagte noch einmal, dass der Satz von mir sei. Sie glaubte mir nicht. Ich kann es ja nicht beweisen, aber ich will nicht, dass andere so von mir denken. Sie erzählt das jetzt wahrscheinlich ihrem Mann und Stefanie und behauptet etwas Falsches von mir.
Was soll ich nur tun, ich komme dieser Frau nicht aus. Immer wenn es ein gesellschaftliches Ereignis gibt, ist sie dabei und mag mich nicht. Und ich bin auch ohne das nicht besonders gern bei all diesen Einladungen und Zusammenkünften. Deshalb habe ich den Teilnehmern der Malwoche geschrieben. Und du bist, wie es scheint, der einzige, mit dem ein Austausch stattfindet.
(Das soll aber nicht frustriert klingen. Ich freue mich über unseren Briefwechsel.)

Lieben Gruß
Laura

Sie steckte den Brief ins Kuvert und ließ es offen. Auch wenn der Brief noch nicht abgeschickt war, fühlte sie sich leichter. Sie würde noch ein bisschen warten.
Sie wartete eine Woche und wurde immer unschlüssiger, ob sie ihren Brief schon wegschicken sollte. Schließlich klebte sie ihn zu und ging damit zur Post. Am nächsten Tag erreichte sie Daniels Brief.

Liebe Laura,

wir, das heißt Nina und ich, waren jetzt auch einmal eingeladen. Sie kennt viel mehr Leute als ich, mir reichen auch zwei oder drei Näherstehende. Sie ist die Kontaktfreudige von uns beiden. Der Abend war dann deswegen ganz nett, weil wir nach dem Essen ein lustiges Spiel gespielt haben. Vielleicht kannst du das ja bei euren Zusammenkünften vorschlagen. Jeder wird im gleichen Ausmaß beteiligt und muss einen Begriff zeichnen, umschreiben oder pantomimisch darstellen – ach, du kennst es wahrscheinlich. Ich musste am Schluss die „Wüstenoase“ pantomimisch darstellen.
Wie geht’s dir, was machen die Vögel, die du da malst? Sind die bei euch zuhause?
Ich erzähle dir jetzt noch etwas, weil es sich in Ordnung anfühlt, dir das hier zu erzählen. Nina ist etwas jünger als ich; sie ist zweiunddreißig, ich bin vierzig. Sie möchte gern ein Kind, und ich habe das für mich noch nicht entschieden. Wenn ich beruflich mit den Kindern arbeite und sehe, welche Schwierigkeiten sie haben, bin ich besorgt, wie das bei eigenen Kindern wäre. Es gibt ja nicht nur Lernschwächen, es gibt so viele Probleme, die Kinder haben können, auch mit liebevollen Eltern. Ich mache meine Arbeit sehr gern, aber eigene Kinder zu haben, ist etwas ganz anderes.

Viele Grüße
Daniel

Sie legte den Brief in eine Schublade und dachte, dass jetzt wohl Daniel dran sei mit dem Schreiben. Sie stellte sich Nina vor, die sie noch nie gesehen hatte. Sie stellte sich eine freundliche und zugleich entschlossene Frau vor.
Tobias klopfte an die Schlafzimmertür.
„Du schreibst?“
„Nein, ich habe Daniels Brief gelesen. Einer der Teilnehmer der Malwoche.“
„Wie viele haben denn zurückgeschrieben?“
„Drei“, sagte Laura, „zwei davon nur einmal.“
„Dann hast du jetzt wohl einen Brieffreund.“
Er stellte es fest, ohne erkennbares Missfallen. Laura hatte nicht das Gefühl, sich verteidigen zu müssen. Es waren unschuldige Briefe, die sie sich schickten. Erstaunlich war eher, wie schnell sie beide ins Persönliche fanden, wie schnell sie freundschaftlich wurden. Mit Tobias war das erst so gewesen, als sie begonnen hatten, sich zu berühren. Natürlich war sie freundschaftlich mit Tobias. Dennoch war die Beziehung manchmal kompliziert. Tobias fand manche Dinge, die ihr Sorgen machten, völlig unwichtig. Das waren die Momente, in denen sie sich unverstanden fühlte.

Zwei Tage später läutete das Telefon. Laura war überrascht, als Daniel sich meldete.
„Ich möchte eigentlich nur wissen, wer jetzt mit dem Schreiben dran ist“, sagte er.
„Ich habe doppelt geschrieben, also bist du dran“, sagte Laura.
„Es ehrt mich, dass du es nicht erwarten konntest, mir etwas zu erzählen.“
Das war seine Art, etwas mit Augenzwinkern zu sagen, wo der andere dann nicht wusste, ob es ernstgemeint war. Sie schwiegen einen Moment.
„Dann schreibe ich“, sagte Daniel. „Es könnte aber ein bisschen dauern, weil gerade viel zu tun ist.“
Damit war ihr erstes Telefongespräch wieder beendet. Vielleicht waren sie noch nicht reif fürs Telefonieren, dachte Laura mit einem Schmunzeln und ohne es ernstzumeinen.

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